Die Reise nach Maulle au Mer

 
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September 2014
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Unter Kindern

Weil Marie verhindert ist, übernehme ich für sie ihre Tageskindergruppe und kümmere mich um die Kleinen. Die Kinder freuen sich über den netten Onkel aus der Fremde und gewöhnen sich schnell an meine liebevolle Strenge.

Zunächst bestrafe ich die Daumenlutscher mit einer Heckenschere, muss aber aufgrund ihres wehleidigen Gewimmers schon beim fünften Finger aufhören.

Zwei besonders rüde Rabauken stecke ich in Getreidemühlen, um sie zu Geflügelfutter zu zermahlen, doch ihre Beine blockieren das Mahlwerk, sodass ich Gnade vor Recht ergehen lasse.

Als die Oma eines Kindes mit Lebkuchen kommt, um meine Schützlinge zum Naschen zu verleiten, muss ich sie in einen Ofen stoßen und lebendig backen, doch sie flieht, als ich den Kindern helfe, Feuerholz zu hacken.

Später zünde ich aus pädagogischen Gründen ein Mädchen an, das mit Schwefelhölzern spielt, damit ihre versengten Locken vor Leichtsinn warnen.

Beim abendlichen Abholen missbilligen manche Eltern meine Erziehungsmethoden, ich kann aber glaubhaft versichern, mein Fachwissen aus heimischer Kinderliteratur zu beziehen.


17. September in Maulle au Mer

 

Das Märchen vom gläsernen Wolf

Es war einmal ein Land, in dem herrschten Angst und Schrecken, denn ein jeder wusste, dass der gläserne Wolf durch die Straßen und Wälder streifte. Niemand konnte ihn sehen, wenn er aus dem Nichts heraus Menschen anfiel, die fortan für immer verschwunden waren. Wer nicht an den gläsernen Wolf glaubte und dies öffentlich aussprach, wurde besonders schnell sein Opfer.

Den Jägern gab man damals sehr viel Geld, um den Wolf zur Strecke zu bringen, doch es gelang ihnen nie, sodass sie noch mehr Geld benötigten. Als dies nichts half, versprach man dem Oberjäger die Königstochter zur Frau und ernannte seine Jagdgesellen zu Ministern und Generälen.

Aber der gläserne Wolf verschonte die Bürger nicht lange und die Jäger erklärten, dass nur ein König ihn besiegen könne, weshalb der alte Herrscher abtrat und dem Oberjäger seinen Thron überließ.

Alle Einwohner mussten nun Hilfsjäger werden und jeder erhielt eine Waffe, um vor dem Wolf gewappnet zu sein. Zwar erlegte niemand das tückische Tier, aber im Streit erschossen viele Menschen einander und nur die Jagdpolizei konnte für Recht und Ordnung sorgen.

Allmählich vergaßen die Leute den gläsernen Wolf, da sie mit sich selbst genug Leid und Sorgen hatten. Bis eines Tages bei Bauarbeiten am Jagdhaus ein Massengrab mit allen Opfern des Wolfes gefunden wurde.

Da wüteten die Bürger, dass der Wolf so nah gewesen sei und ihn die Jäger dennoch nicht erwischten.

Copyright: Text von Michael Budde, Fotos von IMSI